Bundespräsident Christian Wulff ist zurückgetreten – ist das nun die Staatskrise, vor der Sie gewarnt hatten?


Gabriel: Ich habe davor gewarnt, dass die Menschen sich immer schneller von der Politik und den Parteien abwenden – weil sie glauben, dass "die da oben" alle so sind wie Christian Wulff. Sein Verhalten hat das Amt beschädigt. Das Amt des Bundespräsidenten hatte in Deutschland bisher die höchste Glaubwürdigkeit von allen Staatsorganen. Insofern haben wir eine tiefe Vertrauenskrise der Demokratie. Es kommt deshalb darauf an, jetzt keine parteitaktischen Spiele zu betreiben, sondern einen glaubwürdigen Neuanfang zu machen.

Die Kanzlerin will auf SPD und Grüne zugehen. Gab es bereits Kontakte?

Gabriel: Wir erwarten von der Bundeskanzlerin, dass sie nicht ein drittes Mal einen Kandidaten aus reiner Parteitaktik durchdrückt. Insbesondere mit ihrem Kandidaten Christian Wulff hat sie massiven Schaden angerichtet. Die SPD ist dazu bereit, einen überparteilichen Kandidaten gemeinsam mit allen Parteien im Bundestag zu suchen und zu tragen. Er oder sie muss den Respekt vor diesem Amt wieder herstellen können.

Heißt überparteilich für Sie, dass der Kandidat oder die Kandidatin kein Parteibuch haben darf?

Gabriel: Nein, das heißt es nicht. Es gibt Menschen, die Respekt über die Grenzen von Parteien hinweg genießen. Der Kandidat oder die Kandidatin kann Mitglied einer Partei sein, muss es aber nicht.

SPD und Grüne hatten Joachim Gauck als Gegenkandidaten zu Christian Wulff aufgestellt. Haben Sie mit ihm gesprochen, ob er noch einmal bereit wäre?

Gabriel: Wir haben Joachim Gauck damals für den besseren Kandidaten gehalten. Inzwischen ist für alle klar: Er ist es auch gewesen. An unserer Einschätzung zu Joachim Gauck hat sich nichts geändert.

Ex-Umweltminister Klaus Töpfer könnte für die Grünen attraktiv sein. Auch für Sozialdemokraten?

Gabriel: Es ist nicht sinnvoll, jetzt alle möglichen Namen durchzugehen. Jeder, der öffentlich genannt wird, wird gleich beschädigt.

Wie ernst nehmen Sie die Ankündigung der Kanzlerin für die Suche nach einem Konsenskandidaten?

Gabriel: Sie ist im Wort – allerdings drängt die FDP ja schon auf eine parteipolitische Lösung. Wir müssen einen guten gemeinsamen Kandidaten finden. Ich kann nur hoffen, dass Frau Merkel es ernst meint. Sie hätte allen Grund dazu, denn sie hat wirklich etwas gutzumachen.

Interview: Christoph Slangen