Laudatio des SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel, MdB,
auf Ulrich Kienzle anlässlich der Buchpräsentation von „Abschied von 1001 Nacht - Mein Versuch, die Araber zu verstehen“ am 19. Januar 2012
Ort: Landesvertretung Bremen in Berlin
– Es gilt das gesprochene Wort –
Sehr geehrter Herr Kienzle,
lieber Salah Abdel-Shafi,
sehr geehrte Damen und Herren,
als ich die Anfrage des Verlags erhielt, das Buch „Abschied von 1001 Nacht“ von Ulrich Kienzle vorzustellen, habe ich mich tatsächlich sehr gefreut. Und zwar aus ganz unterschiedlichen persönlichen Gründen:
Zum einen hat mich – wie die allermeisten meines Jahrgangs - der Journalist Ulrich Kienzle eigentlich mein ganzes politisches Leben lang begleitet. Natürlich ohne es zu wissen.
Mehr noch als seine geniale Sendung mit Bodo Hauser war er für mich eine der ganz wichtigen Stimmen und Gesichter der Auslandsberichterstattung – insbesondere aus dem Nahen Osten.
Namen wie Peter Scholl-Latour, Dieter Kronzucker oder eben Ulrich Kienzle waren für mich seit den 70er Jahren verbunden mit den wirklich schwierigen, gefährlichen und meist unübersichtlichen Orten des Weltgeschehens. Wenn ich später in Orten wie Kairo, Amman, Damaskus, Jerusalem, Gazha oder auch Saigon oder Johannesburg war, habe ich mich oft an diese Gesichter und Stimmen und ihre Berichte erinnert.
Sie und Ihre Kollegen, lieber Herr Kienzle, haben uns im besten und wahrsten Sinne des Wortes die Welt erklärt. Nicht im Traum hätte ich damals daran gedacht, dass ich mal eines Ihrer Bücher vorstellen soll.
Aber nicht nur wegen dieser sozusagen unwissentlichen Begleitung habe ich mich über das Angebot des Verlages interessiert.
Da ich selbst gut zwei Dutzend Reisen nach Arabien und den Nahen Osten gemacht habe und mich keine andere Region dieser Welt ebenso fasziniert wie fassungslos macht, hat mich der Gegenstand des heutigen Abends eben auch sehr interessiert. Ihr Buch also.
Und ich habe manches wiedererkannt, was ich selbst ähnlich erlebt oder empfunden habe – z.B. die Begegnung mit dem jungen und gerade erst ins Amt gekommenen syrischen Präsidenten Baschr al Assad, in dessen damaliger Schüchternheit und Freundlichkeit nichts von dem erkennbar war, was in den Jahren danach der Unterdrückungsapparat der Baath-Partei aus ihm gemacht hatte.
Wer allerdings damals den Generalsekretär dieser Partei kennen lernte, einen arabischen Zwillingsbruder von Erich Mielke, der wusste: das konnte nicht gut gehen. Und das ist es ja leider auch nicht – Assad handelt heute wie sein Vater bei der Unterdrückung der Aufstände in Hama.
Wenn man Ulrich Kienzles Buch „Abschied von 1001 und einer Nacht liest“, liest man eigentlich zwei Bücher in einem: ein Buch, das über die arabische Welt, ihre Konflikte, ihre Traditionen und auch über ihre Tragödien vor allem im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erzählt. Und damit vieles von dem, was wir in den ersten 11 Jahren des 21. Jahrhunderts erlebt haben, erklärt.
Und es ist ein Buch über ein Journalistenleben. Nicht nur das des Autors, sondern prototypisch sicher über viele seiner engagierten Kolleginnen und Kollegen. Über die „Scoups“, wie Ulrich Kienzle sie nennt, also die mit Engagement, Fleiß aber eben auch mit dem nötigen Glück veröffentlichten Berichte.
Und über Berichte, die nicht erschienen sind: entweder, weil das Lehrgeld in Form von Bestechungsgeldern noch nicht gezahlt worden war – wie an Flughäfen in Beirut - oder weil es der eigenen Gesundheit und dem eigenen Leben besser tat, wenn man nicht berichtete – wie der Begegnung mit deutschen Terroristen in palästinensischen Ausbildungslagern.
Und immer wieder Berichte, für die man Ärger bekam – auch mit deutschen Politikern und Fernsehintendanten. Gegen manches, was man bei Ihnen als Folge politischen Drucks nachlesen kann, sind die Mailbox-Ausbrüche deutscher Bundespräsidenten heute ja fast harmlos.
Also zwei Bücher in einem.
Der Auslandskorrespondent ist ja der Held des Fernsehzeitalters. Der Auslandskorrespondent ist die Inkarnation der Sehnsucht nach der Ferne, nach dem Fremden, auch nach dem Abenteuer. Seitdem das Fernsehen in unsere Wohnzimmer Einzug hielt, wurde der das Ferne und Fremde erklärende Auslandskorrespondent Teil der eigenen Vorstellungswelt.
Wie nur wenige anderer verkörpern Sie, Herr Kienzle, diesen Weltenerklärer.
Sehr geehrter Herr Kienzle,
in Ihren zahlreichen Beiträgen sind Sie stets derjenige, der uns zu Hause gebliebenen das Fenster zur vermeintlich verzauberten arabischen Welt öffnete. Aber Sie fühlten sich einer anderen geistesgeschichtlichen Tradition verbunden.
Sie forderten uns mit Ihrem aufklärerischen Zugang damals wie auch in ihrem neuen Buch „Abschied von 1001 Nacht“ dazu auf, die arabische Welt anders wahrzunehmen.
Sie beschreiben so treffend die Stereotypen, mit denen man es zu tun hat, wenn über die arabische Welt berichtet wird: „Wir erkennen den Orientalen, wenn wir durch den Suk von Khan al Khalili in Kairo schlendern, sehen ihn müßig im Café sitzen, Backgammon spielen und Tee trinken.“
Mit der gesellschaftlichen und politischen Realität in der arabischen Welt hat das wenig zu tun. Es ist Ihr großer Verdienst, im Gegensatz dazu die andere Wirklichkeit darzustellen: eine Wirklichkeit, die für die meisten Menschen im Westen eher eine Herausforderung ist, weil sie nicht ihren vorgefertigten Bildern entspricht. Ihr Buch ist also eine charmante „Kriegserklärung“ an die Vorurteile, die jeder und jede von uns hat!
„Mein Versuch, die Araber zu verstehen“ heißt das Buch im Untertitel. Im politischen Betrieb ist die Formulierung, „die Menschen dort abholen, wo sie sind“ sehr beliebt. Viele Geschichten in Ihrem Buch legen ein teilweise sehr unterhaltsames Zeugnis davon ab: zum Beispiel Ihr langsames Herantasten daran Fernsehbeiträge nach Deutschland zu überspielen – erst ohne Trinkgeld und damit erfolglos, kurze Zeit später erfolgreich, aber mit der richtigen Beigabe.
Genau diese Geschichten in der Geschichte der großen Verwerfungen in der arabischen Welt seit den 1970er Jahren, die Sie als Journalist begleitet haben, machen dieses Buch so lesenswert.
Viele Thesen werden eher angedeutet. Bei genauer Lektüre entfalten Sie aber eben aus diesem Grund eine ganz eigene Wirkung: Vor allem beherrschen Sie als Vollblutjournalist etwas, das vielen Vertretern meiner Zunft, den Politiktreibenden, abgeht:
Sie können „Geschichten“ erzählen! Und in vielen kleinen „Geschichten steckt ein großer Zusammenhang, nämlich, „die“ Geschichte! Kurzum: Ihr Buch zeugt auch davon, dass Sie ein brillanter Erzähler sind, der uns Zusammenhänge erklärt!
Ein Beispiel: Das Ende der Idee des Panarabismus mit einem genauen Datum benennen zu können, ist eine dieser eher beiläufigen, aber brillanten Momente in dem Buch: der 3. Februar 1975.
Wer außer dem Autor selbst würde dieses Datum mit dem Tod der großen ägyptischen Sängerin Umm Kulthum verbinden und damit mit dem Ende der Stimme, die in ihren monatlichen Konzerten in der ganzen arabischen Welt gehört wurde. Sie trug entscheidend zu einem Zusammengehörigkeitsgefühl bei, das seitdem verloren zu sein scheint. Denn dieser großen Sängerin war nichts an West- oder Ostorientierung gelegen, sondern sie bezog ihre Inspiration und damit ihre Strahlkraft aus dem über 1.000 Jahre alten orientalischen Stil.
Bemerkenswert ist, dass dieses Buch die Region konsequent aus der arabischen Perspektive beleuchtet. Israel kommt nur am Rande vor, etwa in der sehr lesenswerten Beschreibung des Konfliktes im Libanon.
Im letzten Jahr ist gerade im Nahen Osten und Maghreb etwas geschehen, was wir zwar zu hoffen gewagt haben, viele von uns sich aber nicht vorstellen konnten.
Der arabische Frühling hat viele überrascht. Er hat überrascht, weil das Aufbegehren der selbstbewussten arabischen Völker nicht den Wahrnehmungen, scheinbaren Gewissheiten und Vorurteilen der westlichen Mehrheitsmeinung entsprach.
Ursächlich für dieses Aufbegehren waren nicht Facebook oder Al Jazeera oder ein anderes Medium. Nein, es sind und waren Menschen. Menschen, die es leid sind, bevormundet, belogen und unterdrückt zu werden.
Es geht um mehr, als um die Jagd auf bornierte Diktatoren. „Wir spüren alle, dass sich seit der tunesischen Jasmin-Revolution in der Welt etwas geändert hat. Was in der verknöcherten, komplizierten und schwarzseherischen arabischen Welt unmöglich schien, ist nun eingetreten: Die Menschen kämpfen für die Freiheit, sie engagieren sich für die Demokratie, sie öffnen Türen und Fenster, sie blicken in die Zukunft, und diese Zukunft soll erfreulich und ganz einfach menschlich sein.“
So beschrieb der algerische Schriftsteller Boualem Sansal die Sehnsucht nach wahrer umfassender Demokratie, als er 2011 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm.
Hier trifft die klassische Kantsche Definition der Aufklärung zu: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Diese Einsicht und die daran anschließenden Folgen sind das, was seit einem Jahr die arabischen Völker vorleben.
In der letzten Zeit mehren sich die Stimmen, die von einem arabischen Herbst oder Winter sprechen. Mit diesem sprachlichen Bild soll suggeriert werden, dass der Freiheitswille in den Ländern Nord-Afrikas und im Nahen Osten langsam verebben würde.
Und was ist der Ausgangspunkt für diese Analyse? Etwa die mehrheitliche Stimmenabgabe für islamische Parteien in freien und fairen Wahlen? Bedeutet das den Rückfall in die selbstverschuldete Unmündigkeit?
Was wir zurzeit in einigen post-revolutionären Ländern erleben, ist ein Prozess. An dessen Ende werden wir mit Sicherheit nicht die berühmte Westminster-Demokratie vorfinden. Was wir tun können ist, in dieser Situation Unterstützung anzubieten – wenn es erwünscht ist.
Viel wäre schon geholfen, so sagte uns vor kurzem die 30 Jahre alte ägyptische Theatermacherin Laila Soliman, wenn wir im Westen aufhören würden, die falschen Leute zu unterstützen.
Ulrich Kienzle liefert einige wirklich prägnante Beispiele dafür, dass es nicht einmal die immer wieder vorgeschobenen Sicherheitsinteressen der westlichen Demokratien waren, die dazu führten, dass die arabischen Diktatoren zu Waffen kamen, sondern das schlichte Interesse an diesen Waffen viel Geld zu verdienen.
Angesichts der Erfahrungen, die wir in den letzten 50 Jahren damit sammeln mussten, erscheint es umso ungeheuerlicher, ausgerechnet Panzer nach Saudi-Arabien liefern zu wollen, um angeblich dieses Land zur Selbstverteidigung gegen den Iran zu befähigen. Kienzles Landkarten im Buch zeigen, wie unsinnig diese Behauptung ist.
In Wahrheit ist das ganze ein Substitutionsgeschäft für die deutsche Rüstungsindustrie, die an der schrumpfenden Bundeswehr nicht mehr genug verdient und deshalb mehr Zugang zum Auslandsgeschäft fordert.
Die junge Ägypterin und Theatermacherin hat uns dafür die Leviten gelesen und uns gefragt, ob wir immer erst Waffen und dann die Nato schicken würden, wenn sich die Waffen gegen den Falschen richteten. Wir haben ihr als Sozialdemokraten dann für diese Lektion gemeinsam mit Daniel Bahrenboim den Gustav-Heinemann-Preis verliehen.
Europa und Deutschland können mit mehr und anderem Engagement Glaubwürdigkeit in der Region zurückgewinnen. Wir müssen also jetzt den neuen und noch nicht gefestigten Demokratien helfen. Faire Wirtschaftbeziehungen, Aufhebung von Handelsbeschränkungen, eine Partnerschaft auf Augenhöhe sind dafür nur die Überschriften.
Das Gegenteil ist leider der Fall. Die neuen Demokratien müssen – weil sie als unsicherer gelten – am Kreditmarkt immer noch höhere Zinsen zahlen als die alten Diktaturen.
Hilfe könnte auch heißen, den jungen Erwachsenen in Arabien anzubieten, nach einer abgeschlossenen Ausbildung oder Studium für drei Jahre nach Europa zu kommen, um sich weiter zu bilden und danach mit einem zinslosen Kredit wieder nach Hause zu fahren, um sich Selbstständig zu machen.
Wir reden über Nordafrika und Arabien immer noch so, als wären es weit entfernte Länder. Spätestens die Flüchtlingsströme müssten jedem klar machen, dass es unsere nächsten Nachbarn sind. Und entweder wir helfen mit, dass sich die Lebensbedingungen dort verbessern, oder die dort existierenden Probleme werden immer wieder zu uns und in die Welt exportiert.
Sehr geehrter Herr Kienzle,
Ihr Buch kann ich wirklich allen empfehlen, die ein tieferes Verständnis der arabischen Welt suchen. Wie früher als Korrespondent haben Sie sich als Journalist der Falle der vermeintlichen Objektivität entzogen.
Und zwar durch einen bewundernswerten Schritt: Sie haben deutlich gemacht, dass es sich um ein Wirklichkeitsangebot handelt, das Sie uns machen. Und Sie sind bereit für diesen Wirklichkeitsausschnitt Verantwortung zu tragen. Das vor allem und neben vielem schätze ich an Ihnen und Ihrer Arbeit.
Ein letzter Punkt: Das Buch ist auch ein Bericht über das Überleben eines Journalisten in Krisengebieten. Sehr eindringlich beschreiben sie, wie gefährlich freie Berichterstattung für Journalisten sein kann. Und dies dürfen gerade wir hier in einer freiheitlichen Demokratie nie vergessen, in der eine uneingeschränkte Recherche nie lebensbedrohlich ist! Das ist eine Seite, die wir als Konsumenten von Nachrichten aus dem Ausland oft verdrängen!
Im vergangenen Jahr sind nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen mindestens 66 Journalisten wegen ihrer Arbeit getötet worden; 1.044 wurden festgenommen, 1.959 erlitten Gewalt und wurden bedroht, 71 entführt.
Ihnen und Ihren Kollegen weltweit möchte ich für Ihren leider allzu oft lebensbedrohlichen Einsatz danken. Denn sie sind es, die dafür sorgen, dass wir einen anderen Blick auf die Welt und die Wirklichkeit bekommen!
Eine abschließende und humorvoll gemeinte Bemerkung dann noch zum Schluss. Sie behaupten in Ihrem Buch, dass Saddam Hussein vielfach Doppelgänger durch den Irak fahren lies, um selbst vor Attentaten geschützt zu sein. Wenn es eines Beweises für diese Behauptung bedurfte, dann findet jeder diesen Beweis auf der Rückseite des Einbandes Ihres Buches. Ich bin froh, dass Sie nie Opfer einer dieser Verwechselungen geworden sind.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
